Wenn Liebe zur Anpassungsleistung wird
- Simone Gilau

- 20. Apr.
- 3 Min. Lesezeit

Warum du dich im Dating verbiegst – und dabei immer weiter von dir entfernst
Du weißt eigentlich, dass er nicht wirklich passt. Er meldet sich unregelmäßig. Seine Vorstellungen vom Leben unterscheiden sich von deinen. Beim dritten Date merkst du, dass du wieder ein bisschen mehr von dir zurückgehalten hast. Weniger direkt warst, unkritischer, angepasster.
Und trotzdem machst du weiter. Weil du dir sagst: Vielleicht wird es besser. Vielleicht bin ich zu streng. Vielleicht ist das eben so, wie Liebe sich anfühlt.
Es ist keins von alledem. Es ist das falsche Selbst und es hat die Regie übernommen.
Das falsche Selbst will vor allem eines: dazugehören
Der Begriff stammt aus der Tiefenpsychologie, geprägt von D. W. Winnicott. Er beschreibt eine Strategie, die viele Menschen früh lernen: Wenn echtes Erleben – echte Bedürfnisse, echte Meinungen, echte Grenzen – Ablehnung riskiert, dann passt man sich an. Man funktioniert. Man gefällt.
Das ist kein Versagen. Das war einmal Intelligenz. Als Kind ist Zugehörigkeit überlebenswichtig und wenn Authentizität sie gefährdet, lernt das System, sie zurückzuhalten.
Das Problem: Dieser Mechanismus läuft auch dann noch, wenn er längst nicht mehr gebraucht wird. Auch beim Dating. Auch mit 35, 42 oder 50.
Der „falsche Mann“ – und warum du vielleicht trotzdem bleibst
Es gibt eine Dynamik, die im Dating besonders häufig vorkommt, aber selten beim Namen genannt wird: Du triffst jemanden, bei dem das Bauchgefühl leise Vorbehalte signalisiert und trotzdem fängst du an, dich anzupassen.
Nicht, weil du nichts Besseres weißt. Sondern weil der Wunsch nach Beziehung so groß ist, dass das falsche Selbst sofort übernimmt: Es optimiert, passt an, glättet. Es macht aus dir eine Version, die vielleicht zu diesem Menschen passt, aber nicht wirklich zu dir.
Typische Anzeichen:
• Du verschweigst Meinungen, die Konflikte auslösen könnten.
• Du redest dir ein, Dinge „nicht so wichtig“ zu finden, die dir eigentlich viel bedeuten.
• Du passt deine Verfügbarkeit, deinen Ton oder deine Bedürfnisse an seine an.
• Du erklärst sein Verhalten, statt dein eigenes Erleben ernst zu nehmen.
Das ist kein Zeichen von Schwäche. Es ist das Ergebnis eines Systems, das gelernt hat: Anpassung sichert Nähe. Und Nähe – irgendeine Nähe – ist besser als gar keine.
Das Paradox der Anpassung
Hier liegt das eigentliche Problem: Je mehr du dich anpasst, desto unwahrscheinlicher wird die Beziehung, die du dir wirklich wünschst.
Denn wer sich zeigt, wird vielleicht abgelehnt. Aber wer sich versteckt, kann gar nicht wirklich gesehen werden. Die Verbindung, die entsteht, gilt einer Rolle und nicht dir.
Das erklärt auch, warum viele Frauen, die sich im Dating stark anpassen, häufig das Gefühl haben: „Ich gebe so viel und bekomme so wenig zurück.“
Stimmt! Weil das, was du gibst, nicht wirklich du bist. Und das, was du bekommst, nicht wirklich für dich gedacht ist.
Es geht nicht darum, plötzlich „ungefällig“ zu werden oder jeden Kompromiss zu verweigern. Beziehungen brauchen Beweglichkeit. Aber es gibt einen Unterschied zwischen:
• Anpassen aus Wahl – weil du es so willst.
• Anpassen aus Angst – weil du Fußnoten wie „vielleicht will er das so“ oder „ich will keinen Stress“ nicht widersprechen kannst.
Die Frage, die hilft: Wie fühle ich mich nach dem Treffen – lebendiger oder kleiner?
Das wahre Selbst braucht keine perfekten Bedingungen. Aber es braucht genügend Sicherheit, um sich zu zeigen. Und diese Sicherheit entsteht nicht dadurch, dass du den richtigen Menschen findest – sondern dadurch, dass du dich selbst nicht verlierst, während du ihn suchst.
Das Ziel ist nicht, weniger zu wollen. Das Ziel ist, dich beim Wollen nicht zu verlieren.
Über die Autorin
Simone ist erfahrene Coach und begleitet Frauen mit Beziehungswunsch – besonders solche, die beruflich und persönlich viel erreicht haben und trotzdem im Thema Partnersuche immer wieder an dieselbe Wand stoßen. Ihr Fokus liegt nicht auf Dating-Strategien, sondern auf dem, was sich dahinter verbirgt.

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